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Susanne Dröscher – Der digitale Mitbewohner

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Susanne Dröscher ist mit-Erfinderin des digitalen Mitbewohners CARU. Die grosse räumliche Distanz zu ihrer Oma brachte sie dazu, ein intelligentes Hilfsmittel zu entwickeln, durch welches sie auch ohne Smartphone immer mit ihr kommunizieren kann. Darüber hinaus spürt CARU über seine Sensoren auch, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugeht und ruft um “Hilfe”. Gemeinsam mit Alfred Angerer spricht sie über den hilfreichen Alltagsbegleiter, welcher auch einen grossen Zuspruch in der ambulanten und stationären Pflege findet. www.caruhome.com

Fragen und Antworten

Bei CARU geht es darum, älteren Personen ohne Smartphone die Möglichkeit zu geben Kontakt zur Familie zu halten. Die Pandemie stellt ein gutes Beispiel dar, wie CARU eingesetzt werden kann und so ältere Personen ein aktiver Teil der Gesellschaft bleiben können.

Zum einen ist es eine Hardware, die in der Wohnumgebung der älteren Person aufgestellt wird. Es ähnelt einem Bluetooth-Speaker, der per Plug-and-Play über das Mobilfunknetz mit der Aussenwelt verbunden ist. Über einfache Sprachbefehl kann das Gerät bedient und verschiedene Aktionen wie Notrufe an Betreuende oder die Familie ausgelöst werden. Eine weitere Funktion ist der Family-Chat. Es handelt sich um einen sprachbasierten Chat, der auch die älteren Menschen mit einbindet. Besonders in Situationen wie der Pandemie mit Homeoffice und Home-Kita ist die Integration von Anrufen bei den Grosseltern schwierig. Auch einen Anruf im Alltag unterzubringen gestaltet sich teils schwierig. Zudem besitzen die Grosseltern meist kein Smartphone, weswegen eine kurze Message ebenfalls nicht möglich ist. CARU ermöglicht den Austausch von Sprachnachrichten. Der dritte Bestandteil des CARU sind Sensoren, die das Raumklima beobachten. Aus der Kombination verschiedener Situationen kann detektiert werden, ob Aktionen in einem Raum stattfinden oder nicht. Wenn es hier grobe Abweichungen gibt, können externe Personen informiert werden. CARU stellt einen Mitbewohner in Form von Technik dar.

Über das Wort Hilfe wird ein Anruf ausgelöst.

Das kann die Familie, Betreuende wie Spitex oder auch eine Notrufzentrale sein. Die Funktion kann individuell belegt werden.

Es wurde zu Beginn genau analysiert, was die Anwender am meisten stört. Bei den klassischen Systemen muss ein Armband getragen werden. Dieses wird oftmals nicht getragen, da es vergessen wird oder auch als stigmatisierend gesehen wird. Das System soll unauffällig integrierbar sein und nicht sofort zeigen, dass ein Notfallsystem genutzt wird. Aus diesem Grund kam es zum Einsatz einer Sprachsteuerung. Zudem ist der Ruf um Hilfe tief in Personen verankert.

Es wird für eine Wohnung mit drei Zimmern ein CARU empfohlen. CARU hört in etwa so gut wie ein Mensch. Wenn ein Mensch an dem Ort, an dem das CARU steht, eine andere Person hört, gelingt das auch dem CARU. Es ist aber grundsätzlich möglich mehrere CARU miteinander zu koppeln sollte eine grössere Fläche abgedeckt werden müssen.

Personen, die aktuell durch fehlende Smartphones nicht an einem Familien-Chat teilnehmen können und wahrscheinlich am meisten davon profitieren würden, sollen abgeholt werden. Es soll eine Art WhatsApp Chat-Gruppe für Nicht-Smartphone-Nutzer abgebildet werden. Die Angehörigen haben eine App auf dem Smartphone, in der analog zu WhatsApp eine Sprachnachricht aufgenommen und versendet werden kann. Andere Teilnehmer mit Smartphone können diese ebenfalls in der App abhören. Die Nutzer des CARU erhalten ein Leuchtsignal und können über einen Sprachbefehl die Nachricht abhören und antworten.

Der Deckel des CARU fungiert als ein einziger Eingabeknopf. Durch langes Drücken kann ebenfalls ein Notruf ausgelöst werden. Aber das System kann rein über Audio bedient werden.

Die Person sagt dann „aufnehmen“, wodurch eine Sprachnachricht aufgenommen und in die Gruppe versendet wird.

Für den Moment ist es eine feste Gruppe. Dies erleichtert zudem das Handling.

Gemessen werden aktuell die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, die Luftqualität, der Geräuschpegel und die Helligkeit im Raum.

Es geht hierbei um den CO2-Gehalt der Luft. Dieser ist ein relativ gutes Indiz dafür, ob Personen sich in diesem Raum aufhalten. Über das Ausatmen gelangt mehr und mehr CO2 in den Raum.

Die Ermittlung, ob sich eine Person im Raum befindet, ist die eine Funktion. Über die Sensoren können aber auch Muster im Tagesablauf erkannt werden. Es soll gemessen werden, was das typische Muster ist, das die Person im Raum hinterlässt und ob dies täglich dasselbe ist. Bei vielen älteren Personen trifft dies durch einen sehr regelmässigen Tagesablauf zu. Grobe Abweichungen vom Muster können ein Indiz dafür sein, dass etwas nicht in Ordnung ist. CARU wartet auf solche abweichenden Signale und informiert dann die Angehörigen. Die Ermittlung der Abweichungen geschieht über Algorithmen.

Die Daten landen auf einem Server und werden anonymisiert verarbeitet. Bei Abweichungen werden dann die Angehörigen informiert. Wie genau das aussieht ist jedoch noch Zukunftsmusik. Momentan wird diese Funktion noch konkret implementiert. Gemeinsam mit den Nutzenden wird versucht, herauszufinden, was die beste Möglichkeit ist zu informieren.

Hauptsächlich konnten Erfahrungen im Bereich Notruf gesammelt werden. Insbesondere durch die Sprachsteuerung kommt es auch zu falscher Erkennung. Die Leute reagieren aber in der Regel positiv darauf, sobald verstanden wird, weshalb der falsche Notruf eingeleitet wurde. Es gibt auch Situationen in denen das Verständnis nicht da ist, hier bedarf es noch weiterer Optimierung.

Das CARU wird heute primär bei Pflegeinstitutionen und Pflegedienstleistenden wie Spitex-Unternehmen eingesetzt. Auch in den Bereichen des betreuten Wohnens kommt CARU zum Einsatz. Hier ist der grösste Faktor zur Freude, die Möglichkeit Rücksprache mit den Pflegenden zu halten und mitteilen zu können, was gebraucht wird. In diesem Bereich wird die Ruffunktion häufig ausgelöst. Im stationären Bereich ist es nicht immer gegeben, dass bewohnende Personen und Pflegende direkt darüber kommunizieren können. Hier erleichtert CARU die Kommunikation zwischen den Parteien, da auch stark mobilitätseingeschränkte Personen über die Sprachsteuerung Kommunikation anstossen können. Die Sprache als natürlichstes Kommunikationsmittel wird extrem geschätzt.

Es gibt vereinzelte Stimmen in diese Richtung. Die Pflege kennt die Bewohnenden und kann bereits einschätzen, welche dazu neigen werden, die Funktion auch in nicht angebrachten Situationen zu nutzen. In den allermeisten Fällen sieht es die Pflege ebenfalls als positiv an, da nachgefragt werden kann, was benötigt wird. Die Pflege vor Ort legt teils unnötige Wege zurück, welche so verringert werden können.

Hier gibt es sehr unterschiedliche Reaktionen. Das Schöne ist, dass auch skeptische Personen zunächst das Gerät zum Testen behalten möchten. Hier hilft sicherlich das unscheinbare aber ästhetische Design des CARU. Auf diese Weise haben bisher alle eingewilligt, das Gerät bei sich zu behalten. Zudem muss nicht aktiv mit CARU interagiert werden. Die Nutzenden kamen bisher alle mit der Sprachinteraktion sehr gut zurecht. Es bedurfte keiner Lernphase.

Über Weihnachten wurden hierzu Tests mit Familien durchgeführt. Es hat sich gezeigt, dass die Familien nochmals ganz neu zueinander und zusammengefunden haben. Es ergibt sich über CARU eine andere Konstellation in solchen Chats und andere Themen werden angesprochen, wenn die Grosseltern Teil der Gruppe sind. Es gibt somit auch hier sehr positive Rückmeldungen. In der aktuellen Situation mit stark eingeschränkter Kontaktsituation insbesondere bei älteren Personen kann CARU einen grossen Mehrwert leisten.

Mit Sicherheit ist dies ein Thema bei Betreibenden von Pflegeinstitutionen. Diese wollen sich natürlich absichern. Je grösser Betreibende sind, desto lauter wird das Rufen nach Evidenzen für die Funktionalität und den Effizienzgewinn. Um Evidenz liefern zu können, braucht es grossflächige Einsatzorte. Mit Referenzkunden werden solche Cases aufgestellt.

Das Programm fördert Entwicklungen im Bereich Age-Tech, da die Bevölkerung immer älter wird. Zudem kann über Technologie Entlastung geschaffen werden. Ein Projekt wurde in Zusammenarbeit mit CARU gestartet. In dieser Zeit soll herausgefunden werden wie die Akzeptanz des bestehenden CARU in verschiedensten Einrichtungen in der Schweiz, Österreich und Belgien. Zusätzlich konnte in Co-Creation-Workshops mit den Endnutzer-Organisationen identifiziert werden, was die Bedürfnisse für Weiterentwicklungen von CARU sind. Die Funktionalitäten sollen in diese Richtung weiterentwickelt werden.

Zum einen stellt CARU eine Chance zur Prozessoptimierung dar. Die Laufwege der Pflegenden können über die Rücksprachemöglichkeit verringert werden. In Zukunft sind die zusätzlichen Informationen zur Aktivität der Bewohnenden über die Sensorik ebenfalls als Argument zu nennen. Es kann dann nach Bedarf nach den Bewohnenden geschaut werden und nicht mehr auf Verdacht bei allen. Die Prozesse können so weiter optimiert werden und der Fokus auf die Bewohnenden mit einem Bedarf richten. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht bietet CARU die Möglichkeit eines Up-Sellings des Familienchats an die Angehörigen. Über monatliche Gebühren oder ähnliche Modelle kann die Chance geboten werden, enger mit den Familienangehörigen in Kontakt zu bleiben. So ein Angebot wird von vielen Institutionen gesucht. Natürlich kann der Chat auch als Marketinginstrument verwendet werden.

Zunächst ging einiges schief. Viele Dinge können noch so oft im Büro getestet werden, im realen Setting sieht dies meist doch anders aus. Nach und nach konnten diese Probleme jedoch behoben werden. Ein wichtiger Punkt in dieser Startphase war, dass der Support eine grossartige Arbeit geleistet hat.

Zum einen ist es ein Kauf des Geräts und zum anderen gibt es eine monatliche Gebühr für den folgenden Betrieb. Es gibt kein werbebasiertes Modell, das die Daten der Nutzenden verwendet. Es wird eine Sicherheitslösung verkauft, bei der Kommerz nicht zentral ist.

Guter Geschmack wird nicht mit dem Alter abgelegt. Zudem ist der Prozess des Älterwerdens durchaus schmerzlich. Es gibt Dinge, an die man nicht dauerhaft erinnert werden möchte. Die Nutzendeninteraktion ist enorm auf die Bedürfnisse abgestimmt und funktioniert sehr intuitiv. Es ist eine feine Gratwanderung die betrieben wird, um die intuitive Funktionsweise nicht ins banale zu ziehen. Hier wurde enorm viel Energie verwendet.

Die Philosophie ist, dass alles Neuentwickelte im Unternehmen bleibt. Einfach zukaufbare Dinge ab Stange werden von Externen gemacht. Zudem wird Unterstützung punktuell eingeholt wie für die Elektronik. Die Software des Geräts, die Datenanalyse und Vertrieb sowie Marketing wird inhouse betrieben. Der Vertrieb kann zukünftig aber sicherlich mit Partnern erfolgen.

Die Produktdesignerinnen undProduktdesigner sind Teile des Teams, da hier auch die Nutzendeninteraktion inkludiert ist. Hier muss kontinuierlich weiterentwickelt werden, was die Expertise der Produktdesignenden verlangt. Diese konnten auch beim Aufbau des Supplier-Netzes für die Produktion unterstützen. Die Designenden haben sich nicht nur mit der Form beschäftigt, sondern bringen sich viel weitergehend in die Konstruktion des Geräts ein.

Aktuell wurde sich auf eine Hardwarekonstellation festgelegt. Es gibt dennoch kleinere Anpassungen. Bei Hardware ist die Reaktionszeit natürlich länger als bei Software. Aus diesem Grund wurde viel Zeit in die Konstellation der Hardware investiert. Von Anfang an wurde versucht zu antizipieren, was in der Zukunft relevant werden kann.

Die Firma wurde im Februar 2017 gegründet.

Es ist wichtig mutig vorwärts zu gehen, auch wenn es sich teils anfühlt wie ein Klippensprung. Es gilt, der Intuition zu trauen. Zudem sind Gespräche mit Fachpersonen mit bestimmter Expertise extrem wichtig. Weiter bringt es das Produkt nach vorne, wenn die Teammitglieder auf ihrem Gebiet besser sind als man selbst.

Das ist in der Tat sehr schwierig. Es gelingt fast nur, wenn in einem kleinen Team die Aussagen verschiedener Leute auf ihre Bedeutung und den Hintergrund reflektiert werden. Teils müssen jedoch auch Aussagen ausgeblendet werden und zunächst gehandelt werden. Input kann nicht dauerhaft eingeholt werden.

Die Schweiz ist absolut grossartig für Tech-Entwicklung. Es gibt viele Expertinnen und Experten in den verschiedensten Bereichen. Das Interesse an Lösungen und das Bewusstsein für die Notwendigkeit ist ebenfalls gross. Die Umsetzung ist jedoch oftmals ein Problem. Ein grösseres Commitment zu erhalten ist eher schwierig, was teils an der guten Lebenssituation in der Schweiz liegt. Es entsteht der Eindruck, dass zum Beispiel in Deutschland der Druck im Pflegesektor höher ist, weshalb schneller Entscheidungen getroffen werden. Die natürliche Auseinandersetzung mit solchen Themen ist in der Schweiz noch nicht angekommen.

Ergänzend wurde der Verein «Care for innovation» gegründet. Die Vision des Vereins ist, Pflegeinstitutionen im Bereich der Digitalisierung zu unterstützen.

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