Wie organisiert man 1,6 Millionen Therapien pro Jahr und schneidet trotzdem für jeden einzelnen Menschen ein eigenes Programm zu?
In dieser Folge sprechen Alfred Angerer und Stefan Lienhard mit Till Hornung, CEO der Klinikgruppe Valens, dem grössten Reha-Anbieter der Schweiz, über Innovation und Digitalisierung in der Reha.
Till erzählt, wie er eher zufällig zum Medizinstudium kam. Schon früh begann er sich zusätzlich mit Gesundheitsökonomie zu beschäftigen – auch, weil ihn die aus seiner Sicht schlecht organisierten Abläufe in den Spitälern beschäftigten. Nach Stationen als Anästhesist, Unternehmensberater und Spitalmanager sagt er: Seine aktuelle Tätigkeit ist für ihn die erfüllendste.
Die Folge beleuchtet:
– wie aus 450 Mitarbeitenden 2300 wurden, ohne dass die Kultur dabei verloren ging
– warum die Therapieplanung heute ein digitaler Assistent übernimmt und nicht mehr Excel
– was sechs EFQM-Sterne mit der Suche nach Fachkräften zu tun haben
– wo Reha zu Hause schon funktioniert und wo die Finanzierung dafür fehlt
Zum Schluss legt Till eine steile These zum Marktanteil der Reha auf den Tisch. Alfred verspricht, in hundert Folgen nachzurechnen.
#MarktplatzGW #Innovation #Reha
Fragen und Antworten
Till ist CEO der Klinikgruppe Valens, einer der grössten Reha-Anbieter der Schweiz. Er hat Medizin studiert, ist Facharzt für Anästhesie und bringt zusätzlich eine Ausbildung in Gesundheitsökonomie mit.
Till hat in Heidelberg Medizin studiert und schon im ersten Studiendrittel Betriebswirtschaft und Gesundheitsökonomie dazugenommen. Auslöser war, dass die Spitäler damals aus seiner Sicht schlecht organisiert waren, das hat ihn zum Spitalsmanager gemacht.
Till war zuerst Anästhesist, danach Unternehmensberater für Spitäler und heute im Management. Er sagt, der heutige Job sei mit Abstand am erfüllendsten, weil es nie langweilig wird und die Branche viel Unterstützung braucht.
Till findet nicht, dass jeder Spitalsmanager Mediziner sein muss. Wichtig ist ihm, dass man sich intensiv mit dem Kerngeschäft beschäftigt, sonst wird die Führung schnell einseitig.
Die Klinikgruppe Valens ist einer der grössten stationären und ambulanten Reha-Anbieter der Schweiz mit 13 Standorten und neun Fachbereichen. Heute arbeiten dort rund 2300 Menschen, bei Tills Start waren es noch etwa 450.
Dazu gehören orthopädische und muskuloskelettale Reha, Neurorehabilitation, Kardiologie, Onkologie, Psychiatrie beziehungsweise Psychosomatik und pulmonale Reha. Till sagt, wer eine schwerere Krankheit hat, die den Alltag einschränkt, ist grundsätzlich ein Kandidat für eine Reha.
Die Gruppe verwaltet jährlich rund 1,6 Millionen Therapien und muss dabei mit grossen Zahlen umgehen. Gleichzeitig bekommt jeder Patient ein individuelles Programm, Till nennt das eine Mischung aus grossen Zahlen und personalisierter Medizin.
Ein Grund war der Skaleneffekt, ein anderer die geringe Grösse der Reha-Branche, die in der Schweiz nur rund fünf Prozent des Spitalsmarktes ausmacht. Till will mit der Gruppe ein grosser Player bleiben, um die Branche mitgestalten zu können.
In zwölf bis dreizehn Jahren hat sich die Gruppe personell etwa verfünffacht. Till betont, dass man trotz des schnellen Wachstums versucht hat, die ursprüngliche Kultur und Haltung zu bewahren.
Als Beispiel nennt Till die Einführung eines neuen Krankenhausinformationssystems, die wegen der vielen Standorte deutlich länger dauert. Dazu kommt, dass die Gruppe in vier Heimatkantonen mit je eigenen Gesundheitsdepartementen und Regularien unterwegs ist.
Till setzt auf eine einheitliche Systemplattform, die an allen Standorten dieselbe IT-Logik verwendet. So lassen sich Weiterentwicklungen automatisch überall gleich umsetzen, auch wenn einzelne Kantone unterschiedliche Anforderungen stellen.
Dafür gibt es ein Innovation Board mit Vertretern verschiedener Standorte, das Themen inhaltlich und technologisch filtert. Till sagt, es helfe nichts, gute Innovationsideen zu haben, wenn die Übersetzung ins Unternehmen nicht gelinge.
Die Klinikgruppe Valens ist eine Stiftung mit einem inzwischen zwölfköpfigen Stiftungsrat, der durch die Fusion grösser geworden ist. Till beschreibt die Zusammenarbeit als sehr gut und die Runde als heterogenen, aber wertvollen Sparringspartner.
Till schätzt, dass seine Leute sich bei der Digitalisierung selbst nur eine 4 oder 5 von 10 geben würden, ähnlich wie im ganzen Spitalssektor. Er nimmt die Mitarbeitenden mit, indem er offen kommuniziert, warum das so ist und was sich ändern soll.
Vor rund zwölf Jahren hat die Gruppe mit einer IT-Strategie begonnen und zuerst Kernsysteme wie das ERP neu aufgebaut. Till sagt, dieses Fundament sei jetzt fertig, weshalb der grössere Digitalisierungsschub erst noch kommt.
Früher wurden Millionen Therapieeinheiten von Hand mit Excel geplant, heute übernimmt das ein KI-gestützter Planungsassistent. Patienten erhalten dadurch jeden Tag ein verlässliches, tagesaktuelles Programm, digital oder auf Papier.
Seit rund dreieinhalb Jahren werden bei allen Patienten Eingangs- und Ausgangsdaten digital erfasst, unter anderem PROMs. Gemeinsam mit der privaten Universität Liechtenstein hat die Gruppe ein eigenes Doktoratsprogramm aufgebaut, um diesen Datensatz zu erforschen.
Die Klinikgruppe ist als einzige Institution der Schweiz mit sechs Sternen ausgezeichnet worden. Till sagt, das EFQM-Modell bewerte vor allem den Umgang mit Anspruchsgruppen und mit dem eigenen Datenwissen, und genau dort habe die Gruppe gut abgeschnitten.
Die Patienten von Valens sind meist so stark betroffen, dass eine rein ambulante Versorgung zu Beginn keine Option ist. Für spätere Phasen gibt es das Programm Reha Casa, bei dem Patienten ihre Übungen zu Hause machen und dabei von der Klinik begleitet werden.
Till glaubt, dass der Marktanteil der Reha am Schweizer Spitalsmarkt von heute rund 5 Prozent auf bald schon etwa 15 Prozent steigen wird, also fast eine Verdreifachung. Er begründet das mit der Demografie, der Zunahme chronischer Erkrankungen und dem Bedürfnis älterer Menschen, möglichst lange mobil zu bleiben.









